Lexikon für Nachtschattengewächse
 

Inhaltsverzeichnis

 

1. Definition

2. Ursprung des Namens

3. Arten, Sorten, Beispiele

4. Bedeutung und Verwendung

5. Inhaltsstoffe als Lebensmittel

6. Giftige Inhaltsstoffe als Bio-Drogen

7. Bedeutung für Allergien

8. Bedeutung als Hexenpflanzen und Zauberpflanzen

9. Bedeutung in Medizin und Homöopathie

 

1. Was sind Nachtschattengewächse ? Eine Definition

 

Die Pflanzen-Familie der Nachtschattengewächse (botanisch: Solanaceae) gehört in der Botanik wie auch Laubbäume, Hülsenfrüchte oder Getreide zur Pflanzen-Klasse der Bedecktsamer, bei denen die Samenanlage von einem Fruchtknoten eingeschlossen ist.

Die zweikeimblättrigen Blütenpflanzen können in etwa 100 Gattungen und über 2.500 Arten unterteilt werden.

Nachtschattengewächse (englisch: solanaceae, nightshade plants) kommen weltweit als verholzende oder krautige Pflanzen vor und können einjährig oder mehrjährig wachsen. Als Ursprungsländer der meisten dieser Pflanzen gelten Mittelamerika und Südamerika.

Nachtschattengewächs-Früchte sind meistens Beeren oder Kapseln und benötigen für die perfekte Reifung viel Sonnenlicht sowie mildes bis warmes Klima oder Tropen-Klima.

Die Blätter und unreifen Früchte der meisten Nachtschattengewächse enthalten giftige Alkaloide wie z.B. Solanin, aber auch die ausgereiften Früchte können giftig sein und Alkaloide (meist Tropanalkaloide) und Steroide enthalten (vgl. Inhaltsstoffe weiter unten).

Die Nachtschattengewächse gelten daher zumeist als Giftpflanzen, bis auf wenige Ausnahmen, die vom Menschen als Lebensmittel kultiviert wurden. Beispiele sind Gemüse-Pflanzen wie die Aubergine, Kartoffel, Paprika oder Tomate.

 

Foto einer Duftenden Engelstrompete mit grünen Blättern und blassgelben Blüten
Bild: Duftende Engelstrompete (Brugmansia suaveolens) Mitte September *

 

Eine sowohl botanisch als auch lebensmittelkundlich akzeptierte Systematik der Nachtschattengewächse liegt bis dato noch nicht vor. Verschiedene Systematiken zur Gattung der Nachtschattengewächse lieferten bis heute z.B. Richard Olmstead und Lynn Bohs, Armando Teodoro Hunziker sowie William D'Arcy.

 

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2. Woher stammt der Name Nachtschattengewächse ?

 

Woher "Nachtschattengewächse" ihren Namen haben, ist nicht geklärt. Zunächst haben diese Pflanzen ihren Namen nicht wegen der Fähigkeit, dass sie im "Schatten der Nacht" wachsen, reifen und gedeihen könnten.

Gerade Auberginen, Paprika oder Tomaten benötigen sogar viel Licht, Sonne und Wärme, um zu gedeihen.

Vielmehr könnte es sein, dass der Name der Nachtschattengewächse aus dem Mittelalter stammt, als die Wirkung der Nachtschatten-Pflanze (Solanum nigrum) medizinisch zur Milderung nächtlicher Albträume (ursprüngliches Wort: Nachtschaden) verwendet wurde.

Im Widerspruch dazu könnte der Name seinen Ursprung auch darin haben, dass die Blüten der Nachtschatten-Pflanze (Solanum nigrum) in der Nacht einen starken Duft ausströmen. Dieser Geruch kann bei sensiblen Menschen, wenn sie sich in der Nähe befinden, zu Kopfweh (= Schaden) führen.

Das würde auf die Namensherkunft bezogen heissen, dass in diesem Fall ein "Nachtschaden" durch die Nachtschattengewächse verursacht und nicht gemildert werden würde.

 

Foto einer Blüte der Stehapfel-Art Datura Discolor
Bild: Blüte eines Stechapfels (Datura Discolor)

 

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3. Arten, Sorten, Beispiele

 

Die nachfolgende Übersicht zeigt eine Liste der wichtigsten einheimischen Nachtschattengewächse in Deutschland, Österreich oder der Schweiz (alphabetisch sortiert):

 

  • Gemeine Alraune (Mandragora officinarum)

  • Auberginen (Solanum melongena)

  • Bilsenkraut: Weißes Bilsenkraut (Hyoscyamus albus), Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)

  • Bocksdorne: z.B. Gemeiner Bocksdorn (Lycium barbarum), eine langsam wachsende Heckenpflanze, die auch unter dem Namen Chinesische Wolfsbeere bzw. Wolfberry- oder Goji-Beere bekannt ist

  • Cayennepfeffer (Capsicum frutescens): auch Tabasco-Pflanze

  • Chili/Chillischoten (Capsicum annuum var. glabriusculum): eine speziell scharfe Paprika-Varietät

  • Engelstrompete (Brugmansia)

  • Kartoffel (Solanum tuberosum): Gemüse des Jahres 2003

  • Lampionblume/Lampionpflanze (Physalis alkekengi)

  • Bittersüßer Nachtschatten (Solanum dulcamara)

  • Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum)

  • Paprika (Capsicum)

  • Hybrid-Spaltblume (Schizanthus x wisetonensis): eine Hybride aus Schizanthus grahamii und Schizanthus pinnatus

  • Stechapfel (Datura): auch Asthmakraut

  • Garten-Petunie/Gartenpetunie (Petunia x hybrida): eine beliebte Balkonblume und Rabattenblume

  • Tabak/Tabakpflanze (Nicotiana): Giftpflanze des Jahres 2009

  • Tollkirschen (Atropa)

  • Tomate (Solanum lycopersicum): Gemüse des Jahres 2001

 

Die weltweit wichtigsten essbaren Nachtschattengewächse, die als Gemüse-Nahrungspflanzen auch im Garten angebaut und kultiviert werden, sind die Aubergine, die Kartoffel, der Paprika und die Tomate.

 

Foto von Echtem Tabak oder Nicotiana tabacum
Bild: Echter Tabak (Nicotiana tabacum) im Oktober in Oberbayern *

 

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4. Bedeutung und Verwendung

 

Nachtschattengewächse wurden bis ins Mittelalter und bis weit in die Antike zurückgehend auf verschiedenste Weise eingesetzt.

So wird z.B. die Alraune bereits im "Papyrus Ebers" erwähnt: ein medizinisches Papyrus im alten Ägypten um 1600 v. Chr. und eines der ältesten erhaltenen medizinischen Texte der Antike.

Die folgende Liste zeigt die verschiedenen Verwendungsarten der Nachtschattengewächse:

 

  • Gemüse-Nahrungsmittel: z.B. Knollengemüse wie die Kartoffel oder Fruchtgemüse wie Aubergine, Paprika und Tomate

  • Zierpflanzen: z.B. Bocksdorne, Engelstrompeten, Korallenstrauch, Korallenstrauch, Kuheuterpflanze, Lampionblume, Paprika, Spaltblumen, Sulfinia-Petunien, Ziertabak (auch beliebte Duftblumen)

  • Heilpflanzen: z.B. Alraunenwurzel, aus Paprika gewonnene Capsaicin-Extrakte, Schwarzes Bilsenkraut, Tollkirsche

  • Giftpflanzen, Rauschpflanzen: z.B. Gemeine Alraune, Dama da Noite (in Brasilien), Engelstrompete, Schwarzes Bilsenkraut, Schwarze Tollkirsche/Wolfsbeere, Stechapfel, Tabak

 

Foto mit Tomaten, Kartoffeln und Paprika
Bild: Tomaten (Solanum lycopersicum), Kartoffeln (Solanum tuberosum), Paprika (Capsicum) *

Foto einer Aubergine im Freien auf einem Marmor-Brett mit Schnee
Bild: Aubergine (Solanum melongena) *
 

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5. Inhaltsstoffe als Lebensmittel

 

Essbare Nachtschattengewächse wie Aubergine, Kartoffel, Paprika und Tomate sind als Gemüse-Nahrungsmittel ein wichtiger Lieferant für

 

  • Sekundäre Pflanzenstoffe / Phytamine

  • Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)

  • Spurenelemente und

  • Vitamine (hauptsächlich Vitamin A, B-Vitamine, Vitamin C und Vitamin E).

 

Foto der Früchte vom Schwarzen Bilsenkraut
Bild: Früchte vom Schwarzen Bilsenkraut (Hyosciamus niger)

 

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6. Giftige Inhaltsstoffe und Wirkungen als Bio-Drogen und Rauschmittel

 

Innerhalb der Nachtschattengewächse gibt es Pflanzen, die in unterschiedlicher Menge giftige Alkaloide wie Apoatropin, Atropin, Hyoscyamin, Mandragorin und Scopolamin (Hyoscin) enthalten. Die folgende Liste der "Biodrogen" zeigt die wichtigsten giftigen Nachtschattengewächse:

 

  • Alraune

  • Schwarzes Bilsenkraut

  • Stechapfel

  • Engelstrompete

  • Schwarze Tollkirsche

  • Tabak

 

Werden diese giftigen Nachtschattengewächs-Alkaloide

 

  • roh gegessen,

  • als Tee oder Alkohol-Extrakt getrunken,

  • getrocknet geraucht oder geräuchert,

 

können sie bis zu 24 Stunden aphrodisierend, berauschend, bewußtseinsverändernd oder narkotisierend auf das vegetative Nervensystem wirken.

Allerdings kann bereits die geringste Überdosierung dieser "Bio-Drogen" zu Symptomen wie Halluzinationen, Desorientierung, Verwirrung, Gleichgewichtsstörungen, Herzklopfen, Herzrasen, Euphorie, Tobsucht, extremen Angstzuständen oder Stimmungsschwankungen führen.

Die Wirkung der giftigen Nachtschattengewächse kann bis zu einer Woche lang anhalten und ggf. auch bleibende Schäden am Herzen, Drogenpsychosen oder Gedächtnisverlust verursachen.

Und dem nicht genug: Natur-Drogen aus Nachtschattengewächsen sind sehr schwer zu dosieren und bereits geringste Schwankungen in der Dosierung können im Ergebnis sogar zu Herzrhythmusstörungen, Delirium, Atemlähmung oder einem Kreislaufkollaps führen.

Der Konsum von einem giftigen Nachtschattengewächs ist daher sehr gefährlich und kann im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohende Wirkungen haben. Deshalb wurden früher viele Nachtschattengewächse in höherer Dosierung auch für Giftmorde verwendet und galten als Giftkräuter oder Giftblumen.

 

Foto einer geöffneten Frucht mit Samen vom Gemeinen Stechapfel Datura stramonium
Bild: Geöffnete Frucht mit Samen vom Gemeinen Stechapfel (Datura stramonium)

 

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7. Bedeutung für Allergien

 

Eine ganze Reihe Nachtschattengewächse kann bei empfindlichen Menschen eine Allergie auslösen oder zu Kreuzreaktionen mit anderen Allergenen führen.

So erfahren Menschen, die bereits auf Getreide- oder Gräser-Pollen allergisch reagieren, z.B. oftmals eine Verschlechterung ihrer Symptomatik, wenn sie Auberginen, Chilis, Kartoffeln, Paprika oder Tomaten berühren oder essen.

Gleiches gilt auch für zahlreiche Beifußallergiker, d.h. Menschen, bei denen die Pollen vom Beifuß (Artemisia vulgaris) eine Allergie auslösen.

Bestimmte Nachtschattengemüse-Arten wie Chili, Kartoffel, Paprika oder Tomate können außerdem das sog. Birkenpollen-Nuss-Obst-Syndrom verstärken:

Gemeint ist damit das Phänomen, dass viele Birken-Pollen-Allergiker auch Nahrungsmittel-Allergien auf Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Pflaumen, Kirschen oder Nüsse entwickeln.

 

 

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8. Bedeutung als Hexenpflanzen und Zauberpflanzen: "Hexenzauber" früher und heute

 

In der Antike und im Mittelalter wurden viele Nachtschattengewächse als Beruhigungsmittel gegen Albträume, Schlafmittel, Schmerzmittel, Narkosemittel, Wundsalbe & Lokalanästhesie, als Aphrodisiakum und durchblutungsförderndes Liebesmittel oder zur Krampflösung verwendet.

Der atropin-haltige Saft der Tollkirsche diente im Mittelalter als Schönheitsmittel zur Pupillenvergrößerung. Dieser Wirkung verdankt die Pflanze ihren Namen "Belladonna" → Schöne Frau.

 

Foto mit schwarzen Tollkirschen Atropa belladonna und ihren Blättern
Bild: Schwarze Tollkirschen (Atropa belladonna) und ihre Blätter

 

Auch wenn die Nachtschattengewächse damals gegen viele Krankheiten angewandt wurden, galten sie doch als Hexenpflanzen und Zaubermittel.

Sei es aufgrund von Aberglauben oder weil die chemische Zusammensetzung der Nachtschattengewächse bzw. ihrer Alkaloide damals nicht bekannt war und man die Wirkungen der Drogen mit den mystischen Fähigkeiten und Zauberkünsten von einer "Hexe" oder von einem "Zauberer" in Verbindung brachte.

Dieses Schicksal teilten sich die Nachtschattengewächse mit den Farnen und vielen Heilkräutern, deren Wirkung sich die Menschen lange nicht erklären konnten und die deshalb zu Zauberpflanzen erklärt wurden.

Beim damaligen chemischen Wissenstand der Menschen mag es auch nicht verwundern, dass jemand unter dem Einfluß der Alkaloide von psychoaktiven Pflanzen als "verhext" galt.

Und bis heute ist bei vielen Naturvölkern und Eingeborenen der Gebrauch von Nachtschattengewächs-Alkaloiden eine Domäne von Schamanen, Druiden, Priestern oder Medizinmännern.

Bewiesen ist heute, dass viele Inhaltsstoffe der Nachtschattengewächse Halluzinationen bei den Betroffenen bewirken, bei denen sie meinen "fliegen“ zu können.

Nach Abklingen der Rausch-Wirkung kann dann oft nicht mehr zwischen Vorstellung und Realität unterschieden werden.

 

Fliegende Hexe auf einem Besen
Bild: Hexenflug von 1451

 

"Erst wenn die Sonne untergeht, spüre ich die Wärme und
lerne, die Nacht gehört zu mir, so wie zum Mond die Sterne."
(Songtext aus "Nachtschattengewächs" der Hip-Hop-Band Waxolutionists feat. Manuva)

 

Die durch die Kirche initiierte Hexenjagd im Mittelalter auf "Heilerinnen", "Kräuterweiber", "Waldfrauen" oder "Kräuterfrauen" bekommt mit dem heutigen Wissensstand über Nachtschatten-Alkaloide im "Hexenkraut", "Hexentrank" oder in der "Hexensalbe" einen neuen Erklärungsansatz.

 

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Foto roter Früchte von einem Bittersüßen Nachtschatten
Bild: Früchte vom Bittersüßen Nachtschatten (Solanum dulcamara) Ende August *

 

9. Bedeutung in der Medizin und Homöopathie

 

In der Neuzeit finden Nachtschattengewächse in der Medizin mit niedrigen Dosierungen Anwendung z.B. bei der

 

  • Pupillenerweiterung im Rahmen der Augendiagnostik (Wirkstoff: Atropin aus Schwarzer Tollkirsche)

  • Behandlung von Rheuma (Wirkstoff: Capsaicin aus Paprika oder Chili)

  • Homöopathie-Therapie

 

In der Homöopathie werden die Wirkungen giftiger Nachtschattengewächse für viele Therapien genutzt. Die folgende Liste zeigt die wichtigsten homöopathische Mittel:

 

  • Belladonna (Tollkirsche)

  • Mandragora (Alraune)

  • Capsicum annuum (Paprika)

  • Tabacum nicotianum (Tabak)

  • Stramonium datura (Stechapfel)

  • Hyoscyamus (Bilsenkraut)

  • Solanum tuberosum (Kartoffel)

  • Lycopersicum esculentum (Tomate)

  • Solanum melongena (Aubergine)

  • Solanum nigrum (Schwarzer Nachtschatten)

 

Foto mit Früchten vom schwarzen Nachtschatten
Bild: Früchte vom Schwarzen Nachtschatten (Solanum nigrum)

* Foto © Oliver Fries

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→ Zur Pflanzenwelt (Flora) in Deutschland mit Ideen für Gärtner (Hobbygärtner, Landschaftsgärtner)