Was sind Nachtschattengewächse? Eine Definition
Die Nachtschattengewächse (botanisch: Solanaceae) gehören in der Botanik wie auch Laubbäume, Hülsenfrüchte oder Getreide zur Pflanzen-Familie der Bedecktsamer, bei denen die Samenanlage von einem Fruchtknoten eingeschlossen ist.
Die zweikeimblättrigen Blütenpflanzen können in etwa 100 Gattungen und über 2.500 Arten unterteilt werden.
Nachtschattengewächse (englisch: solanaceae, nightshade plants) kommen weltweit als verholzende oder krautige Pflanzen vor und können einjährig oder mehrjährig wachsen. Als Ursprungsländer der meisten dieser Pflanzen gelten Mittelamerika und Südamerika.
Nachtschattengewächs-Früchte sind meistens Beeren oder Kapseln und benötigen für die perfekte Reifung viel Sonnenlicht sowie mildes bis warmes Klima oder Tropen-Klima.
Die Blätter und unreifen Früchte der meisten Nachtschattengewächse enthalten giftige Alkaloide wie z.B. Solanin, aber auch die ausgereiften Früchte können giftig sein und Alkaloide (meist Tropanalkaloide) und Steroide enthalten (vgl. Inhaltsstoffe weiter unten).
Die Nachtschattengewächse gelten daher zumeist als Giftpflanzen, bis auf wenige Ausnahmen, die vom Menschen als Lebensmittel kultiviert wurden. Beispiele sind Gemüse-Pflanzen wie die Aubergine, Kartoffel, Paprika oder Tomate.
Eine sowohl botanisch als auch lebensmittelkundlich akzeptierte Systematik der Nachtschattengewächse liegt bis dato noch nicht vor. Verschiedene Systematiken zur Gattung der Nachtschattengewächse lieferten bis heute z.B. Richard Olmstead und Lynn Bohs, Armando Teodoro Hunziker sowie William D'Arcy.
Zur Namensherkunft
Der Ursprung des Namens "Nachtschattengewächs" ist nicht ganz klar. Zunächst verdanken diese Pflanzen ihren Namen der Ursache, dass sie im Gegensatz zu den meisten anderen Pflanzen auch im "Schatten der Nacht" wachsen, reifen und gedeihen.
Allerdings könnte der Name der Nachtschattengewächse auch aus dem Mittelalter stammen, als die Wirkung der Nachtschatten-Pflanze (Solanum nigrum) medizinisch zur Milderung nächtlicher Albträume (ursprüngliches Wort: Nachtschaden) verwendet wurde.
Im Widerspruch dazu könnte ein weiterer Ursprung des Namens auch darin liegen, dass die Blüten der Nachtschatten-Pflanze in der Nacht einen starken Duft ausströmen, der in der Nähe zu Kopfweh (= Schaden) führen kann. Das heißt, in diesem Fall würde also ein "Nachtschaden" durch die Nachtschattengewächse verursacht und nicht gemildert.
Welche Pflanzen sind Nachtschattengewächse? Arten, Sorten, Beispiele
Die nachfolgende Übersicht zeigt eine Liste der wichtigsten einheimischen Nachtschattengewächse (alphabetisch sortiert):
- Gemeine Alraune (Mandragora officinarum)
- Auberginen (Solanum melongena)
- Bilsenkraut: Weißes Bilsenkraut (Hyoscyamus albus), Schwarzes Bilsenkraut (Hyoscyamus niger)
- Bocksdorne: z.B. Gemeiner Bocksdorn (Lycium barbarum), eine langsam wachsende Heckenpflanze, die auch unter dem Namen Chinesische Wolfsbeere bzw. Wolfberry- oder Goji-Beere bekannt ist
- Cayennepfeffer (Capsicum frutescens): auch Tabasco-Pflanze
- Chili/Chillischoten (Capsicum annuum var. glabriusculum): eine speziell scharfe Paprika-Sorte
- Engelstrompete (Brugmansia)
- Kartoffel (Solanum tuberosum): Gemüse des Jahres 2003
- Lampionblume/Lampionpflanze (Physalis alkekengi)
- Bittersüßer Nachtschatten (Solanum dulcamara)
- Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum)
- Paprika (Capsicum)
- Hybrid-Spaltblume (Schizanthus × wisetonensis)
- Stechapfel (Datura)
- Garten-Petunie/Gartenpetunie (Petunia × hybrida): eine beliebte Balkonblume und Rabattenblume
- Tabak/Tabakpflanze (Nicotiana): Giftpflanze des Jahres 2009
- Tollkirschen (Atropa)
- Tomate (Solanum lycopersicum): Gemüse des Jahres 2001
Die weltweit am wichtigsten essbaren Nachtschattengewächse, die als Gemüse-Nahrungspflanzen angebaut und kultiviert werden, sind die Aubergine, die Kartoffel, der Paprika und die Tomate.
Anwendung und Verwendung
Nachtschattengewächse wurden bis ins Mittelalter und bis weit in die Antike zurückgehend auf verschiedenste Weise eingesetzt.
So wird z.B. die Alraune bereits im "Papyrus Ebers" erwähnt: ein medizinisches Papyrus im alten Ägypten um 1600 v. Chr. und eines der ältesten erhaltenen medizinischen Texte der Antike.
Die folgende Liste zeigt die verschiedenen Verwendungsarten der Nachtschattengewächse:
- Gemüse-Nahrungsmittel: z.B. Knollengemüse wie die Kartoffel oder Fruchtgemüse wie Aubergine, Paprika und Tomate
- Zierpflanzen: z.B. Bocksdorne, Engelstrompeten, Korallenstrauch, Korallenstrauch, Kuheuterpflanze, Lampionblume, Paprika, Spaltblumen, Sulfinia-Petunien, Ziertabak (auch beliebte Duftblumen)
- Heilpflanzen: z.B. Alraunenwurzel, Dama da Noite (in Brasilien), aus Paprika gewonnene Capsaicin-Extrakte, Schwarzes Bilsenkraut, Tollkirsche
- Giftpflanzen, Rauschpflanzen: z.B. Gemeine Alraune, Engelstrompete, Schwarzes Bilsenkraut, Schwarze Tollkirsche/Wolfsbeere, Stechapfel, Tabak
Inhaltsstoffe für Lebensmittel
Essbare Nachtschattengewächse wie Aubergine, Kartoffel, Paprika und Tomate sind als Gemüse-Nahrungsmittel ein wichtiger Lieferant für
- sekundäre Pflanzenstoffe (Alkaloide, Flavonoide, Steroide)
- Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)
- Spurenelemente und
- Vitamine (hauptsächlich Vitamin A, B-Vitamine, Vitamin C und Vitamin E).
Giftige Inhaltsstoffe und Wirkungen als Bio-Drogen und Rauschmittel
Innerhalb der Nachtschattengewächse gibt es Pflanzen, die in unterschiedlicher Menge giftige Alkaloide wie Apoatropin, Atropin, Hyoscyamin, Mandragorin und Scopolamin (Hyoscin) enthalten. Die folgende Liste der "Biodrogen" zeigt die wichtigsten giftigen Nachtschattengewächse:
- Alraune
- Engelstrompete
- Schwarzes Bilsenkraut
- Schwarze Tollkirsche
- Stechapfel und
- Tabak
Werden diese giftigen Nachtschattengewächs-Alkaloide
- roh gegessen,
- als Tee oder Alkohol-Extrakt getrunken,
- getrocknet geraucht oder geräuchert,
können sie bis zu 24 Stunden aphrodisierend, berauschend, bewußtseinsverändernd oder narkotisierend auf das vegetative Nervensystem wirken.
Allerdings kann bereits die geringste Überdosierung dieser "Bio-Drogen" zu Symptomen wie Halluzinationen, Desorientierung, Verwirrung, Gleichgewichtsstörungen, Herzklopfen, Herzrasen, Euphorie, Tobsucht, extremen Angstzuständen oder Stimmungsschwankungen führen.
Die Wirkung der giftigen Nachtschattengewächse kann bis zu einer Woche lang anhalten und ggf. auch bleibende Schäden am Herzen, Drogenpsychosen oder Gedächtnisverlust verursachen.
Und dem nicht genug: Natur-Drogen aus Nachtschattengewächsen sind sehr schwer zu dosieren und bereits geringste Schwankungen in der Dosierung können im Ergebnis sogar zu Herzrhythmusstörungen, Delirium, Atemlähmung oder einem Kreislaufkollaps führen.
Der Konsum von einem giftigen Nachtschattengewächs ist daher sehr gefährlich und kann im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohende Wirkungen haben. Deshalb wurden früher viele Nachtschattengewächse in höherer Dosierung auch für Giftmorde verwendet und galten als Giftkräuter oder Giftblumen.
Können Nachtschattengewächse auch Allergien auslösen?
Eine ganze Reihe Nachtschattengewächse kann bei empfindlichen Menschen eine Allergie auslösen oder zu Kreuzreaktionen mit anderen Allergenen führen.
So erfahren Menschen, die bereits auf Getreide- oder Gräser-Pollen allergisch reagieren, z.B. oftmals eine Verschlechterung ihrer Symptomatik, wenn sie Auberginen, Chilis, Kartoffeln, Paprika oder Tomaten berühren oder essen.
Gleiches gilt auch für zahlreiche Beifußallergiker, d.h. Menschen, bei denen die Pollen vom Beifuß (Artemisia vulgaris) eine Allergie auslösen.
Die Nachtschattengemüse-Arten können außerdem das sog. Birkenpollen-Nuss-Obst-Syndrom verstärken: Gemeint ist damit das Phänomen, dass viele Birken-Pollen-Allergiker auch Nahrungsmittel-Allergien auf Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Pflaumen, Kirschen oder Nüsse entwickeln.
Inhaltsstoffe für Gesundheit und Medizin: "Hexenzauber" früher und heute
In der Antike und im Mittelalter wurden viele Nachtschattengewächse als Schlafmittel, Schmerzmittel, Narkosemittel, Wundsalbe & Lokalanästhesie, Beruhigungsmittel gegen Albträume, als Aphrodisiakum und durchblutungsförderndes Liebesmittel oder zur Krampflösung verwendet.
Der atropin-haltige Saft der Tollkirsche diente im Mittelalter als Schönheitsmittel zur Pupillenvergrößerung. Dieser Wirkung verdankt die Pflanze ihren Namen: Belladonna → Schöne Frau.
Auch wenn die Nachtschattengewächse damals gegen viele Krankheiten angewandt wurden, galten sie doch als Hexenpflanzen und Zaubermittel.
Sei es aufgrund von Aberglauben oder weil die chemische Zusammensetzung der Nachtschattengewächse bzw. ihrer Alkaloide damals nicht bekannt war und man die Wirkungen der Drogen mit den mystischen Fähigkeiten und Zauberkünsten von einer "Hexe" oder von einem "Zauberer" in Verbindung brachte.
Dieses Schicksal teilten sich die Nachtschattengewächse mit den Farnen und vielen Heilkräutern, deren Wirkung sich die Menschen lange nicht erklären konnten und die deshalb zu Zauberpflanzen erklärt wurden.
Beim damaligen chemischen Wissenstand der Menschen mag es auch nicht verwundern, dass jemand unter dem Einfluß der Alkaloide von psychoaktiven Pflanzen als "verhext" galt.
Und bis heute ist bei vielen Naturvölkern und Eingeborenen der Gebrauch von Nachtschattengewächs-Alkaloiden eine Domäne von Schamanen, Druiden, Priestern oder Medizinmännern.
Bewiesen ist heute, dass viele Inhaltsstoffe der Nachtschattengewächse Halluzinationen bei den Betroffenen bewirken, bei denen sie meinen "fliegen“ zu können. Nach Abklingen der Rausch-Wirkung kann dann oft nicht mehr zwischen Vorstellung und Realität unterschieden werden.
"Erst wenn die Sonne untergeht, spüre ich die Wärme und
lerne, die Nacht gehört zu mir, so wie zum Mond die Sterne."
(Songtext aus "Nachtschattengewächs" der Hip-Hop-Band Waxolutionists feat. Manuva)
Die durch die Kirche initiierte Hexenjagd im Mittelalter auf "Heilerinnen", "Kräuterweiber", "Waldfrauen" oder "Kräuterfrauen" bekommt mit dem heutigen Wissensstand über Nachtschatten-Alkaloide im "Hexenkraut", "Hexentrank" oder in der "Hexensalbe" einen neuen Erklärungsansatz.
In der Neuzeit finden die Nachtschattengewächse in niedrigen Dosierungen z.B. Anwendung bei der
- Pupillenerweiterung im Rahmen der Augendiagnostik (Wirkstoff: Atropin)
- Behandlung von Rheuma (Wirkstoff: Capsaicin aus Paprika oder Chili)
- Homöopathie-Therapie
In der Homöopathie werden die Wirkungen giftiger Nachtschattengewächse für viele Therapien genutzt. Die folgende Liste zeigt die wichtigsten homöopathische Mittel:
Belladonna (Tollkirsche), Hyoscyamus (Bilsenkraut), Mandragora (Alraune), Solanum tuberosum (Kartoffel), Capsicum annuum (Paprika), Lycopersicum esculentum (Tomate), Tabacum nicotianum (Tabak), Solanum melongena (Aubergine), Stramonium datura (Stechapfel), Solanum nigrum (Schwarzer Nachtschatten).
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